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Laster und Tugend bei Hildegard von Bingen

Laster und Tugend bei Hildegard von Bingen

Tugend und Laster – das klingt nach Mittelalter, nach Predigt, nach erhobenem Zeigefinger. Tatsächlich aber beschäftigt dieses Begriffspaar die Menschen seit über zweitausend Jahren, von Aristoteles bis in die heutige Tugendethik. Hildegard von Bingen hat im 12. Jahrhundert eine der detailreichsten Tugendlehren überhaupt verfasst: 35 Tugenden, jede mit ihrem Gegenstück. Wer Hildegard liest, merkt schnell, dass es ihr nicht ums Moralisieren ging, sondern um eine sehr genaue Beobachtung dessen, was Menschen ausmacht.

Was Tugend und Laster eigentlich bedeuten

Tugend kommt vom mittelhochdeutschen tugent – wörtlich „Tüchtigkeit", also eine Kraft, etwas zu können. In der Philosophie sind Tugenden gefestigte innere Haltungen, die einen Menschen dazu befähigen, das Gute auch wirklich zu tun. Nicht spontane Regungen, sondern gewachsene Charakterzüge.

Laster sind das Gegenteil: dauerhafte Neigungen, die einen Menschen immer wieder in eine ungute Richtung ziehen. Wichtig dabei – eine einzelne falsche Handlung ist noch kein Laster. Erst wenn sich ein Muster verfestigt, spricht man davon. Beide bedingen sich gegenseitig: Geduld zeigt sich erst dort, wo Zorn aufkommt und überwunden wird. Mut wird erst sichtbar, wo Angst ist.

Die antiken Wurzeln: Aristoteles und Seneca

Aristoteles hat in seiner Nikomachischen Ethik die berühmte Formel von der Tugend als „rechter Mitte" geprägt. Tapferkeit liegt für ihn zwischen Feigheit und Tollkühnheit, Großzügigkeit zwischen Geiz und Verschwendung. Vier Tugenden galten in der Antike als grundlegend: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung – die sogenannten Kardinaltugenden.

Seneca hat die Frage anders gestellt: Was macht ein Leben eigentlich gelungen? In De vita beata – „Vom glücklichen Leben" – kommt er zu einem klaren Schluss: Glück und Tugend sind nicht zu trennen. Wer dem Vergnügen hinterherjagt, wird unfrei. Wer nach Tugend strebt, findet ein Glück, das von äußeren Umständen unabhängig ist. Sein viel zitierter Satz „Niemand wird durch Zufall gut" bringt es auf den Punkt: Tugend ist Übungssache.

Die christliche Sieben-und-Sieben-Lehre

Mit dem Christentum kamen drei weitere Tugenden hinzu – Glaube, Hoffnung und Liebe. Zusammen mit den vier antiken ergaben sie die sieben Haupttugenden, denen sieben Hauptlaster gegenüberstanden: Hochmut, Habgier, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit. Papst Gregor der Große brachte diese Liste im 6. Jahrhundert in die Form, die später als „Todsünden" bekannt wurde.

Tugend Gegenüberstehendes Laster
Klugheit Trägheit
Gerechtigkeit Zorn
Tapferkeit Feigheit
Mäßigung Völlerei
Glaube Hochmut
Hoffnung Verzweiflung
Liebe Habgier / Wollust

Hildegard und ihre 35 Tugenden

Hildegard von Bingen (1098–1179) war Benediktinerin, Äbtissin, Komponistin, Schriftstellerin – und eine der wenigen Frauen, die später zur Kirchenlehrerin erhoben wurden (durch Papst Benedikt XVI. im Jahr 2012). Ihre Tugendlehre findet sich vor allem im Liber vitae meritorum, dem „Buch der Lebensverdienste", und im musikalischen Drama Ordo Virtutum. Mehr zu ihrer Person in unserer Biografie Hildegards von Bingen.

Wo die klassische Sieben-Tugenden-Lehre in groben Linien arbeitet, geht Hildegard ins Detail. Sie beschreibt 35 Tugenden, jeweils mit ihrem Gegenspieler. Und sie macht etwas Bemerkenswertes: Sie lässt diese Gestalten miteinander reden. Die Laster treten auf, sagen ihren Spruch, beschreiben ihre Sicht der Welt – und die jeweilige Tugend antwortet. Hildegard zeigt die Laster überraschend plastisch: der Hochmut mit Löwenkopf, die Habgier mit Krallen, der Zorn mit feurigen Augen.

Die vollständige Liste

Laster Tugend
Weltliebe Himmelsliebe
Mutwille Selbstzucht
Possenreißerei Schamhaftigkeit
Verstockung Barmherzigkeit
Feigheit Sieg
Zorn Geduld
Unbeständigkeit Sehnsucht nach Gott
Sorglosigkeit Reue
Hartherzigkeit Erbarmen
Heuchelei Wahrhaftigkeit
Neid Friede
Ruhmsucht Sehnsucht nach Ewigem
Ungehorsam Gehorsam
Unglaube Glaube
Verzagtheit Hoffnung
Wollust Keuschheit
Unrecht Gerechtigkeit
Trägheit Stärke
Vergesslichkeit Heiligkeit
Wankelmut Beständigkeit
Sorge ums Irdische Verlangen nach Himmlischem
Hartnäckigkeit Reumut
Begierde Weltverachtung
Verstocktes Herz Mitgefühl
Maßlosigkeit Maßhalten
Verderbnis Heil der Seelen
Hochmut Demut
Ehrgeiz Genügsamkeit
Lüge Wahrheit
Streitsucht Friedfertigkeit
Habgier Großzügigkeit
Völlerei Mäßigung
Verzweiflung Himmlische Freude
Murren Lobpreis Gottes
Gottlosigkeit Frömmigkeit

Was an dieser Liste auffällt: Hildegard nimmt Phänomene in den Blick, die in der klassischen Sieben-Lehre kaum vorkommen. Das Murren etwa – diese leise, ständige Unzufriedenheit. Oder die Sorglosigkeit, die nicht das Gleiche ist wie Faulheit. Hildegard hatte offensichtlich ein gutes Auge dafür, was Menschen täglich tatsächlich umtreibt.

Das Ordo Virtutum

Um 1151 hat Hildegard das Ordo Virtutum verfasst – Text und Musik. Es gilt als eines der frühesten erhaltenen geistlichen Spiele überhaupt. 16 Tugenden treten auf, dazu die menschliche Seele und der Teufel. Bemerkenswert: Der Teufel singt nicht. Er kann nur sprechen oder schreien, weil das Lasterhafte aus Hildegards Sicht außerhalb der harmonischen Ordnung steht. Die Tugenden dagegen singen in den Melodien, die Hildegard selbst komponiert hat. Mehr dazu in unserem Beitrag zu Hildegards Musik.

Im Zentrum steht die Demut – bei Hildegard die „Königin der Tugenden". Nicht im Sinne von Selbsterniedrigung, sondern als Klarheit darüber, wo man als Mensch in der Schöpfung steht.

Was die Forschung sagt

Heinrich Schipperges, der Heidelberger Medizinhistoriker, hat Hildegards Werk im deutschsprachigen Raum überhaupt erst breit zugänglich gemacht. Sein wichtigster Punkt: Bei Hildegard sind Tugenden keine Moralregeln, sondern Lebenskräfte. Sie führen den Menschen in seine eigene Ordnung zurück.

Die amerikanische Mediävistin Barbara Newman hat in Sister of Wisdom einen anderen Aspekt herausgearbeitet: Hildegards Tugenden sind allesamt weiblich – grammatikalisch und in der Darstellung. Newman zeigt, dass das kein Zufall ist, sondern eine bewusste theologische Aussage über schöpferische, ordnende Kraft.

Annette Esser von der Scivias-Akademie verbindet Hildegards Tugendlehre mit deren Konzept der viriditas, der „Grünkraft". Tugenden sind in dieser Lesart Ausdruck einer schöpferischen Lebenskraft – Laster dagegen ein „Verdorren". Mehr zu diesem Begriff in unserem Beitrag zu Viriditas.

In der modernen Philosophie hat vor allem Alasdair MacIntyre mit After Virtue (1981) die Tugendethik wiederbelebt. Martha Nussbaum hat sie um eine politische Dimension erweitert: Tugenden sind für sie nicht nur Privatsache, sondern Voraussetzung einer gerechten Gesellschaft. Auch in der Positiven Psychologie (Martin Seligman, Christopher Peterson) tauchen die alten Tugenden wieder auf – jetzt unter dem Namen „Charakterstärken".

Tugend in der Literatur: Seneca, Büchner, Goethe

Senecas Idee, dass Glück und Tugend untrennbar zusammenhängen, hat über Jahrhunderte gewirkt. Im Drama begegnet uns das Thema dann ganz anders – etwa bei Georg Büchner. Dantons Tod (1835) zeigt, was passiert, wenn Tugend zur Ideologie wird. Robespierre verkündet kompromisslose Tugend, Danton lebt vielschichtiger, lustvoller, fehlbarer. Der berühmte Satz „Die Tugend muss durch den Schrecken herrschen" ist seitdem zur Chiffre für die Gefahren einer verabsolutierten Moral geworden. Büchner zeigt, wie Tugend in Terror umschlägt, wenn sie nichts Menschliches mehr neben sich duldet.

Bei Goethe wiederum tritt der Versucher selbst auf: Mephisto. Faust steht zwischen Tugend und Laster – eine Konstellation, die nicht zufällig an Hildegards Ordo Virtutum erinnert.

Bekannte Zitate

  • „Niemand wird durch Zufall gut." – Seneca
  • „Die Tugend besteht in der Mitte." – Aristoteles
  • „Tugend ist nicht ein Wissen, sondern eine Tat." – Aristoteles
  • „Wer die Tugend hat, hat alles; wer sie nicht hat, hat nichts." – Cicero
  • „Die Tugend muss durch den Schrecken herrschen." – Robespierre, in Büchners Dantons Tod
  • „Tugend ist die Gesundheit der Seele." – Joseph Joubert

Was bei Hildegard hängen bleibt

Wer Hildegard heute liest, merkt schnell, dass ihre Tugendlehre nicht angestaubt wirkt. Das liegt daran, dass sie Tugenden nicht als starre Regeln versteht, sondern als Bewegungen, als Kräfte. Demut ist keine Selbstverkleinerung, sondern eine Form von Klarheit. Geduld ist kein passives Erdulden, sondern eine Haltung. Und Laster sind nicht einfach „Sünden" – sie sind, in Hildegards Bildsprache, ein Verdorren der Lebenskraft.

Eine Tugend bekommt bei Hildegard besonderes Gewicht: das Maßhalten, die discretio. Sie nennt sie die „Mutter aller Tugenden", weil sie hilft, in allem das rechte Maß zu finden – auch in den anderen Tugenden selbst. Wer zuviel betet, vernachlässigt vielleicht den Nächsten. Wer zuviel fastet, schadet dem Körper. Diese Idee zieht sich auch durch ihre Lehre vom Alltag und der Ernährung – mehr dazu in unserem Beitrag zur Ernährung nach Hildegard von Bingen.

Weiterführende Inhalte

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Tugend und Laster?

Tugenden sind gefestigte Haltungen, die einen Menschen befähigen, das Gute zu tun. Laster sind ihr Gegenstück – verfestigte Neigungen, die in eine ungute Richtung ziehen. Beides sind keine einzelnen Handlungen, sondern Charakterprägungen, die durch Wiederholung entstehen.

Wie viele Tugenden beschreibt Hildegard?

Im Liber vitae meritorum stellt Hildegard 35 Tugenden 35 Lastern gegenüber. Im Ordo Virtutum treten zusätzlich 16 Tugenden als personifizierte Figuren auf.

Was sind die sieben Haupttugenden?

Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung – die vier antiken Kardinaltugenden – plus Glaube, Hoffnung und Liebe als die drei göttlichen Tugenden.

Was sind die sieben Hauptlaster?

Hochmut, Habgier, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit. Diese Liste geht auf Papst Gregor den Großen im 6. Jahrhundert zurück.

Was ist das Ordo Virtutum?

Ein musikalisches Drama Hildegards aus der Mitte des 12. Jahrhunderts – eines der ältesten erhaltenen geistlichen Spiele überhaupt. Hildegard hat Text und Musik selbst verfasst.

Wie sah Seneca das Verhältnis von Glück und Tugend?

Für Seneca war ein glückliches Leben ohne Tugend nicht möglich. In De vita beata argumentiert er, dass nur ein vernünftiges, tugendhaftes Leben innere Freiheit bringt – Vergnügen und äußerer Erfolg dagegen machen abhängig.

Welche Rolle spielt das Thema in „Dantons Tod"?

Büchner zeigt zwei Pole: Robespierres kompromisslose Tugendideologie und Dantons vielschichtige, fehlbare Lebenshaltung. Das Drama macht sichtbar, wie verabsolutierte Tugend in Terror umschlagen kann.

Welche Tugend ist Hildegard die wichtigste?

Die Demut – sie nennt sie die „Königin der Tugenden". Im Ordo Virtutum tritt sie als gekrönte Gestalt auf und führt die anderen Tugenden an. Daneben hat das Maßhalten (discretio) bei ihr besonderes Gewicht.

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information über philosophische, theologische und kulturhistorische Inhalte sowie die Überlieferung Hildegards von Bingen.

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