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Wer war Hildegard von Bingen? Leben, Werk und Wirkung

Wer war Hildegard von Bingen? Leben, Werk und Wirkung

Eine Frau des 12. Jahrhunderts, die Bücher schrieb, Klöster gründete, öffentlich predigte und Päpsten Briefe schickte — das war zu ihrer Zeit ungewöhnlich genug, um bis heute zu erstaunen. Hildegard von Bingen ist die bekannteste Gestalt der mittelalterlichen Klosterkultur im deutschsprachigen Raum, und ihr Name steht heute auf Produkten, in Kochbüchern und über Praxen.

Dieser Beitrag erzählt ihr Leben, ordnet ihr Werk ein und benennt am Ende auch, was sich seriös auf sie zurückführen lässt — und was nicht.

Die Lebensdaten im Überblick

Jahr Ereignis
1098 Geboren in Bermersheim vor der Höhe in Rheinhessen
um 1112 Eintritt in die Klause am Disibodenberg bei Jutta von Sponheim
1136 Nach Juttas Tod zur Leiterin der Frauengemeinschaft gewählt
1141–1151 Arbeit am Visionswerk Scivias
um 1150 Gründung des Klosters Rupertsberg bei Bingen
um 1165 Gründung des Tochterklosters in Eibingen
1158–1171 Vier Predigtreisen durch das Reich
17. September 1179 Gestorben auf dem Rupertsberg, im Alter von 81 Jahren
2012 Heiligsprechung und Erhebung zur Kirchenlehrerin

Kindheit und Klostereintritt

Hildegard wurde 1098 als jüngstes von zehn Kindern einer adligen Familie geboren. Als Kind kam sie in die Obhut von Jutta von Sponheim, die am Disibodenberg als Klausnerin lebte — in einer der Klosteranlage angegliederten, streng abgeschlossenen Wohnzelle.

Dort verbrachte Hildegard mehr als drei Jahrzehnte. Sie lernte Latein, den Psalter, die Grundlagen der klösterlichen Bildung. Aus der kleinen Klause wurde mit der Zeit eine Frauengemeinschaft, und als Jutta 1136 starb, wählten die Schwestern Hildegard zu ihrer Leiterin.

Die Visionen und das Schreiben

Hildegard berichtete seit ihrer Kindheit von Lichterscheinungen, die sie bei wachem Bewusstsein wahrnahm. Lange sprach sie darüber nur mit wenigen. 1141 folgte nach ihrer eigenen Schilderung ein Auftrag, das Gesehene aufzuschreiben — der Beginn ihres schriftstellerischen Werks.

Aus dieser Arbeit entstand Scivias („Wisse die Wege"), ein Werk in drei Büchern, an dem sie zehn Jahre schrieb. Zwei weitere Visionsschriften folgten: der Liber vitae meritorum über Tugenden und Laster und der Liber divinorum operum über den Zusammenhang von Mensch und Kosmos.

Entscheidend für ihre spätere Wirkung war eine kirchliche Bestätigung: Auf der Synode von Trier 1147/48 befasste sich Papst Eugen III. mit ihren Schriften und erkannte sie an. Von da an konnte Hildegard mit einer Autorität auftreten, die einer Frau im 12. Jahrhundert sonst verschlossen blieb.

Die Klostergründungen

Um 1150 setzte Hildegard gegen erheblichen Widerstand des Disibodenberger Abtes den Umzug ihrer Gemeinschaft durch. Sie gründete ein eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen — eigenständig, mit eigener Verwaltung und eigenen Einkünften. Rund fünfzehn Jahre später kam ein Tochterkloster in Eibingen dazu.

Der Rupertsberg wurde 1632 im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Die Abtei in Eibingen besteht bis heute.

Das naturkundliche Werk

Neben den Visionsschriften entstanden zwei Werke ganz anderen Charakters: die Physica, eine Beschreibung von Pflanzen, Tieren, Steinen und Metallen, und die Causae et Curae, eine Darstellung von Krankheitsvorstellungen und Behandlungsweisen ihrer Zeit.

Diese beiden Texte sind der Grund, warum Hildegards Name heute mit Kräutern und Ernährung verbunden wird. Wichtig zum Verständnis: Sie folgen dem Weltbild des 12. Jahrhunderts, insbesondere der Vier-Säfte-Lehre, nach der Gesundheit als Gleichgewicht von Körpersäften gedacht wurde. Mit heutiger Naturwissenschaft hat das nichts zu tun. Was diese Werke sind, ist ein außergewöhnlich detailliertes Zeugnis darüber, wie im hohen Mittelalter über Natur nachgedacht wurde.

Mehr dazu im Beitrag über Causae et Curae.

Musik und Sprache

Hildegard komponierte. Rund siebzig geistliche Gesänge sind unter dem Titel Symphonia armonie celestium revelationum überliefert, dazu das Ordo Virtutum — ein geistliches Spiel mit Gesang, das als eines der frühesten Musikdramen des Abendlandes gilt. Ihre Melodien fallen durch ungewöhnlich weite Tonumfänge auf und werden bis heute aufgeführt und eingespielt.

Kurios daneben: Sie entwarf eine eigene Kunstsprache mit rund tausend Wörtern, die Lingua ignota, samt eigenem Alphabet. Wozu genau, ist bis heute ungeklärt.

Die Predigtreisen

Zwischen 1158 und 1171 unternahm Hildegard vier ausgedehnte Reisen und predigte öffentlich — in Klöstern, aber auch vor Bürgern in Städten wie Mainz, Trier, Köln und Würzburg. Für eine Frau war das im 12. Jahrhundert praktisch beispiellos.

Sie führte zudem eine umfangreiche Korrespondenz; etwa 390 Briefe sind erhalten, an Äbte, Bischöfe, Kaiser Friedrich Barbarossa und mehrere Päpste. Der Ton darin ist bemerkenswert direkt.

Die letzten Jahre und ihr Tod

Ihr letztes Lebensjahr war von einem Konflikt überschattet: Auf dem Rupertsberg war ein Mann bestattet worden, der als exkommuniziert galt. Hildegard weigerte sich, den Leichnam ausgraben zu lassen — daraufhin wurde über ihr Kloster das Interdikt verhängt, das Gottesdienst und Gesang untersagte. Erst kurz vor ihrem Tod wurde es aufgehoben.

Hildegard starb am 17. September 1179 auf dem Rupertsberg im Alter von 81 Jahren.

Woran ist Hildegard von Bingen gestorben?

Eine ehrliche Antwort: Es ist nicht überliefert. Die zeitgenössischen Quellen berichten von ihrem Tod, nicht von einer Ursache — medizinische Todesfeststellungen in unserem Sinn gab es nicht.

Bekannt ist, dass sie ihr Leben lang immer wieder schwer erkrankte, oft in zeitlichem Zusammenhang mit ihren Visionen und mit Phasen großer Anspannung. Verschiedene rückblickende Deutungen dazu kursieren. Alle haben dasselbe Problem: Man kann einen Menschen, der vor über achthundert Jahren gestorben ist, nicht aus der Ferne diagnostizieren. Was bleibt, ist ein für die damalige Zeit außergewöhnlich hohes Alter von 81 Jahren.

Heiligsprechung und Kirchenlehrerin

Verehrt wurde Hildegard schon bald nach ihrem Tod, doch mehrere Heiligsprechungsverfahren im 13. und 14. Jahrhundert blieben unvollendet. Erst 2012 vollzog Papst Benedikt XVI. die förmliche Heiligsprechung und erhob sie im selben Jahr zur Kirchenlehrerin — eine Auszeichnung, die bis dahin nur drei anderen Frauen zuteilgeworden war.

Was sich auf sie zurückführen lässt — und was nicht

Um Hildegard hat sich über die Jahrhunderte viel angelagert. Für eine seriöse Einordnung hilft eine einfache Unterscheidung:

  • Gesichert: Ihre Schriften, ihre Musik, ihre Briefe, ihre Klostergründungen, ihre Reisen. Die Handschriften sind erhalten, darunter der Rupertsberger Riesenkodex.
  • Überliefert, aber später ausgeformt: Die meisten „Rezepte nach Hildegard". Sie hat Pflanzen und Speisen beschrieben, aber keine Rezeptsammlung mit Mengenangaben hinterlassen. Was heute so heißt, sind spätere Zusammenstellungen, die sich auf ihre Beschreibungen beziehen.
  • Zuschreibung ohne Grundlage: Alles, was ihr konkrete Aussagen über moderne Krankheitsbilder oder Produkte in den Mund legt. Ihre Texte stammen aus dem 12. Jahrhundert und beantworten keine Fragen des 21.

Diese Unterscheidung nimmt der Figur nichts. Im Gegenteil — was tatsächlich von ihr stammt, ist bemerkenswert genug.

Häufige Fragen

Wann lebte Hildegard von Bingen?

Von 1098 bis 1179, also im hohen Mittelalter. Sie wurde 81 Jahre alt.

Wo wurde sie geboren?

In Bermersheim vor der Höhe in Rheinhessen, südlich von Alzey.

Woran ist sie gestorben?

Das ist nicht überliefert. Die Quellen nennen das Datum, nicht die Ursache.

Was hat sie geschrieben?

Drei Visionswerke (Scivias, Liber vitae meritorum, Liber divinorum operum), zwei naturkundliche Schriften (Physica, Causae et Curae), Musik und rund 390 Briefe.

Warum ist sie Kirchenlehrerin?

Der Titel würdigt einen herausragenden Beitrag zur Theologie. Benedikt XVI. verlieh ihn 2012, im selben Jahr wie die Heiligsprechung.

War sie Ärztin?

Nein. Sie war Benediktinerin und Äbtissin. Ihre naturkundlichen Schriften dokumentieren das Wissen ihrer Zeit — einen ärztlichen Beruf im heutigen Sinn gab es für sie nicht.

Wo kann man ihr heute begegnen?

In Eibingen bei Rüdesheim, wo die Abtei St. Hildegard steht und ihre Reliquien in der Pfarrkirche aufbewahrt werden. Auch andernorts finden sich Spuren — etwa in Konstanz.

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Vertiefende Beiträge zu einzelnen Aspekten:

Wer die Pflanzen kennenlernen möchte, die in ihren Schriften vorkommen, findet sie in der Übersicht Die wichtigsten Gewürze nach Hildegard von Bingen und in der Kategorie Gewürze nach Hildegard.

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