Fasten hat in den letzten Jahren einen erstaunlichen Wandel hinter sich. Was jahrhundertelang fest im Kirchenjahr verankert war, taucht heute in Podcasts, Apps und Zeitschriften wieder auf – oft losgelöst von jedem religiösen Zusammenhang. Die Fastenkur in der Hildegard-Tradition steht dabei näher an der ursprünglichen Form: Sie ist an einen Rhythmus gebunden, hat einen klaren Anfang und ein klares Ende, und sie ist kein Dauerzustand.
Dieser Beitrag beschreibt, wie eine solche Kur zu Hause traditionell aufgebaut ist, welche Vorbereitung dazugehört und für wen sie ausdrücklich nicht geeignet ist.
Bevor Sie beginnen: für wen Fasten zu Hause nicht infrage kommt
Dieser Abschnitt steht bewusst am Anfang. Fasten ist ein Eingriff in den Alltag, den nicht jeder ohne Rücksprache machen sollte. Sprechen Sie vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wenn einer der folgenden Punkte auf Sie zutrifft:
- Sie sind schwanger oder stillen.
- Sie nehmen regelmäßig Medikamente ein – insbesondere solche, deren Dosierung an Mahlzeiten gekoppelt ist.
- Sie haben eine chronische Erkrankung oder befinden sich in Behandlung.
- Sie haben Untergewicht oder hatten in der Vergangenheit ein gestörtes Essverhalten.
- Sie sind unter 18 oder im höheren Alter.
- Sie erholen sich gerade von einer Operation oder einer Infektion.
Fasten ist außerdem nichts, was man spontan zwischen zwei vollen Arbeitswochen einschiebt. Wer die Tage nicht ruhiger gestalten kann, verschiebt die Kur besser.
Was die Fastenkur in der Hildegard-Tradition ausmacht
Zur ehrlichen Einordnung gehört: Hildegard von Bingen hat keine ausformulierte Fastenanleitung hinterlassen. Ihre Schriften beschreiben Pflanzen, Speisen und den Umgang mit dem Jahreslauf – die durchstrukturierte „Kur", wie sie heute bekannt ist, wurde erst im 20. Jahrhundert aus dieser Überlieferung heraus zusammengestellt.
Was die Hildegard-Variante von anderen Fastenformen unterscheidet, ist der Verzicht auf reines Nulldiät-Denken. Statt vollständigem Nahrungsverzicht steht eine sehr reduzierte, klar umrissene Auswahl im Mittelpunkt – Dinkel in verschiedenen Formen, klare Suppen, Kräutergetränke und die typischen Gewürze der Klostertradition. Das macht die Kur alltagstauglicher als strengere Formen.
Der klassische Ablauf: drei Phasen
Fast alle traditionellen Fastenformen folgen derselben Dreiteilung. Sie ist der eigentliche Kern des Ablaufs – wichtiger als jede einzelne Zutat.
1. Entlastungstage
Ein bis zwei Tage vor dem eigentlichen Beginn wird das Essen schrittweise reduziert und vereinfacht. Kaffee, Alkohol, Zucker und schwere Speisen fallen weg. Diese Tage werden von Einsteigern regelmäßig übersprungen – und genau das ist der häufigste Fehler. Der abrupte Wechsel ist deutlich unangenehmer als der schrittweise.
Praktisch bewährt hat sich in dieser Phase leichte Dinkelkost: Dinkelschmelzflocken, Dinkelgriess als Brei oder eine Bio-Dinkel-Cremesuppe.
2. Die Fastentage
Der eigentliche Kurzeitraum. Klassisch sind sieben Tage; kürzere Varianten von drei bis fünf Tagen sind für den ersten Versuch die vernünftigere Wahl. Auf dem Tisch stehen in dieser Zeit vor allem klare Suppen und Brühen, Dinkelzubereitungen in flüssiger Form sowie reichlich Wasser und Kräutertee.
Der traditionelle Begleiter dieser Phase ist der Bio-Wermuttrank – ein weinhaltiger Kräuteransatz, der in der Hildegard-Überlieferung eng mit dem Frühjahr und dem Jahreswechsel verbunden ist. Für die Menge gilt ausschließlich die Angabe auf dem Etikett. Wer über mehrere Wochen plant, greift zur Kurpackung mit sechs Flaschen.
Als Ersatz für den gewohnten Morgenkaffee eignet sich Dinkelkaffee – koffeinfrei, aber mit genug Röstaroma, um das Ritual zu erhalten. Für zwischendurch greifen viele zu Ingwer-Lutschtabletten.
3. Aufbautage
Das Fastenbrechen ist die Phase, die am meisten schiefgeht. Nach mehreren ruhigen Tagen ist die Versuchung groß, sofort zum gewohnten Essen zurückzukehren – und das quittiert der Körper zuverlässig mit Unwohlsein. Die Aufbauphase sollte etwa ein Drittel so lang sein wie die Fastenzeit selbst.
Begonnen wird mit dem, was in der Kur ohnehin schon auf dem Tisch stand: Suppe, Dinkelbrei, Dinkelzwieback. Erst danach kommen Gemüse, dann Vollkorn, zuletzt alles Übrige zurück. Gewürzt wird in dieser Phase klassisch mit Fenchelgewürzmischung, Bertram und Galgant.
Praktische Hinweise für zu Hause
- Legen Sie den Start auf einen Freitag. Die ersten beiden Tage sind erfahrungsgemäß die unruhigsten. Ein Wochenende federt das ab.
- Räumen Sie vorher ein. Was in der Küche steht, wird gegessen. Wer die Entlastungstage zum Aufbrauchen nutzt, hat es leichter.
- Planen Sie weniger, nicht mehr. Fastenzeit ist kein guter Zeitpunkt für Großprojekte, Umzüge oder schwierige Gespräche.
- Bewegen Sie sich moderat. Spaziergänge ja, Intervalltraining nein.
- Trinken Sie ausreichend. Wasser und ungesüßter Kräutertee über den Tag verteilt.
- Brechen Sie ab, wenn es Ihnen schlecht geht. Kreislaufprobleme, starke Kopfschmerzen oder anhaltendes Unwohlsein sind ein Grund aufzuhören – nicht durchzuhalten.
Wann im Jahr?
Traditionell liegt die Fastenzeit im Frühjahr, zwischen Aschermittwoch und Ostern. Das ist kein Zufall: Es ist die Zeit, in der die Vorräte des Winters zur Neige gingen und der Garten noch nichts hergab. Ein zweiter klassischer Zeitpunkt ist der Herbst, nach der Ernte und vor der dunklen Jahreszeit – dafür gibt es mit Hildegards Herbstkur eine fertig zusammengestellte Variante.
Einen Überblick über die zusammengestellten Kurpakete finden Sie in den Kuren nach Hildegard.
Häufige Fragen
Wie lange dauert eine Fastenkur nach Hildegard?
Klassisch sieben Tage, zuzüglich Entlastungs- und Aufbautagen. Für den ersten Versuch sind drei bis fünf Tage der sinnvollere Einstieg.
Darf man während der Kur arbeiten?
Bei sitzender Tätigkeit und ruhiger Woche ist das machbar. Bei körperlicher Arbeit, Schichtdienst oder hoher Verantwortung besser nicht.
Was trinkt man?
Wasser und ungesüßter Kräutertee bilden die Grundlage. Dazu kommen die traditionellen Kräutergetränke der Hildegard-Überlieferung nach Etikettangabe.
Kann ich Kaffee weglassen, ohne Kopfschmerzen zu bekommen?
Nicht von einem Tag auf den anderen. Reduzieren Sie die Menge schon in den Entlastungstagen schrittweise – das ist genau der Zweck dieser Phase.
Was ist der häufigste Fehler?
Zu schnelles Fastenbrechen. Die Aufbautage sind kein optionaler Anhang, sondern Teil des Ablaufs.
Wie oft im Jahr?
Üblich ist ein- bis zweimal jährlich, gebunden an Frühjahr und Herbst. Fasten ist in dieser Tradition ein Einschnitt, kein Dauerzustand.
Fazit
Der Ablauf einer Fastenkur zu Hause ist weniger kompliziert, als er klingt: Entlastung, Fastentage, Aufbau – in dieser Reihenfolge und mit ausreichend Zeit für jede Phase. Wichtiger als jedes einzelne Produkt ist die Vorbereitung: eine ruhige Woche, ein leerer Kühlschrank und die ehrliche Einschätzung, ob der Zeitpunkt passt.
Und falls einer der Punkte aus dem ersten Abschnitt auf Sie zutrifft: Das Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt vorher ist keine Formalität, sondern der eigentlich wichtigste Schritt.